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Folge 9
Languages>Deutsch>Ein Aufruf zum friedlichen Miteinander
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Ein Aufruf zum friedlichen Miteinander

Folge 9

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen, Lob sei Allah, dem Herrn der Welten. Allah segne und schenke dem Propheten und seinen Gefährten Heil.

Friede sei mit euch!

Willkommen zu einer neuen Folge unserer Sendung: "Ein Aufruf zum friedlichen Miteinander"!

Heute werden wir unsere Erzählung über das Leben von Imam Malik fortsetzen. Dabei werden wir versuchen, eine Beziehung zur Idee der Koexistenz herzustellen. Unsere Absicht ist es, zu lernen in Frieden miteinander zu leben - in einer Zeit voller Blutvergießen an verschiedenen Plätzen auf der Welt, wie zum Beispiel im Irak, im Libanon und in Darfur. Wir sollten "die Rechtswissenschaft der Uneinigkeit" lernen (arab. Fikh al-Ichtilaf) und umsetzen. Wie soll ich mit Anderen umgehen, wenn sie anderer Meinung sind? Eine gemeinsame Grundlage zu finden, ist ein weiteres Ziel dieser Sendung.

Wir werden zwei Hauptaspekte in Maliks Leben diskutieren: seine Rechtswissenschaftsschule (arab. Fikh) und wie er es geschafft hat, etwa 92 Jahre lang in Frieden mit Anderen zu leben, darunter 15 verschiedene Herrscher.

Maliks Rechtswissenschaftsschule:

Das Hauptprinzip seines Ansatzes war, wie wir bereits in der vorigen Folge erwähnt haben, dass die islamische Rechtswissenschaft darauf beruht, Dinge zu vereinfachen und das Interesse der Menschen in den Vordergrund zu stellen.

Die islamische Rechtswissenschaft hat fünf Hauptziele:

·        den Schutz von Religion,

·        Ehre,

·        Eigentum,

·        Seele und

·        Verstand.

Und zwar in genau dieser Reihenfolge. Nichts ist im Islam verboten, außer wenn es um den Schutz einer dieser fünf Aspekte geht. Unzucht ist verboten zum Schutz der Ehre; Glücksspiele sind verboten zum Schutz des Eigentums; Alkohol ist verboten zum Schutz des Verstandes, usw.

Auf der Suche nach dem idealen Weg, um Sachen für die Menschen zu vereinfachen, übernahm Malik den Ansatz des Propheten (s[1]) und nahm ihn als sein Vorbild. Er suchte nach Versen und Hadithen, die ihn in seiner Absicht bestätigten. Wie zum Beispiel die folgenden: [Und Wir entsandten dich nur aus Barmherzigkeit für alle Welten.] (21:107).  [… und hat euch nichts auferlegt, was euch in der Religion bedrücken könnte,…] (22:78). [Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen …] (2:185).

In einem von Aisha (r[2]) übertragenen Hadith heißt es: “Wenn der Prophet (s) die Wahl zwischen zwei Entscheidungen hatte, entschied er sich immer für die einfachere, sofern sie nicht gegen die Religion verstieß.“

 

Für Imam Malik waren Medina und ihre Gelehrten ein "Ausgangsmodell", weil der Prophet (s) dort gelebt hatte. Maliks Quellen für die Rechtswissenschaft waren also der Koran, die Sunna und das Wissen der Gelehrten in Medina. Einige Gelehrten stimmten in diesem Aspekt nicht mit ihm überein. Manchmal hielt er stur an seiner Meinung fest und vergaß vorübergehend das Prinzip der Koexistenz. Dies werden wir an einem späteren Beispiel erläutern, nämlich an der berühmten Diskussion zwischen Abu Hanifa und Malik.

 

Da das islamische Wissen der Gelehrten von Medina zu Maliks Quellen zählte, bestätigte dies seine Annahme, dass die Übereinstimmung der Gesellschaft in einer bestimmten Frage von großer Wichtigkeit war. Er legte somit fest was später als „Abkommen der Gesellschaft“ (arab. Urf) bezeichnet wurde. Das heißt, er unterstützte was die damalige Gesellschaft entschied. Aus diesem Grund versammelten sich viele Menschen um Malik. Einmal kam ein Mann aus Andalusien mit einer Frage zu ihm. Malik sagte: „Ich weiß keine Antwort.“ Der Mann beharrte und sagte: „O Imam, ich bin den weiten Weg aus Andalusien gekommen und du sagst mir, du weißt nicht. Was soll ich meinen Leuten sagen, wenn ich zurückkehre?” Malik sagte: „Sag ihnen, Malik wusste keine Antwort. Ich weiß nicht wie die Leute in Andalusien leben. Frag also jemanden, der Kenntnis über euer Leben und eure Gesellschaft hat. “

 

Malik entwickelte neue Bezeichnungen, die es zuvor nicht gab. Seine Abneigung gegen das Wort „haram“ (verboten) in sich, veranlasste ihn, es durch andere Bezeichnungen zu ersetzen, wie z.B.: „Ich betrachte das nicht als richtig“, „Da ist nichts Gutes dran“, oder „Das ist nicht angemessen.“ Heutzutage wird jedoch leider das Wort „haram“ sehr schnell und zu oft benutzt.

 

Er schrieb sein ganzes Leben lang an dem Buch „Al-Muwatta’“, weil er ständig Änderungen vornahm, wenn er es nötig fand, oder wenn er meinte, es wäre zum Nutzen der Menschen. Es wird gesagt, dass der Kalif, Al-Mannsur, ihm angeboten hat, das Buch mit Goldtinktur schreiben zu lassen. Malik antwortete, wichtiger sei ihm, dass der Kalif sich an das Buch halte.

 

Ich möchte nicht behaupten, dass Malik die ganze Zeit die Regeln der Koexistenz beachtete. Wir werden in der nächsten Folge einige Ereignisse dazu anführen. Ein schnelles Beispiel stellt jedoch die Tatsache dar, dass er in jungen Jahren davon ausging, dass die Gelehrten von Medina ein Vorbild für alle anderen sein mussten und die Rechtswissenschaft von Medina verallgemeinert und von allen nachgeahmt werden soll, und zwar unabhängig von den unterschiedlichen Umständen.

 

Er schickte einmal einen wichtigen Brief an Al-Layth Ibn Saad, dem damaligen Groß-Imam von Ägypten, in dem er ihn tadelte, weil er Fatwa (islamische Rechtsgutachten) erteilen hatte, die sich von denen in Medina unterschieden: Er erlaubte das Abend- und Nachtgebet an regnerischen Tagen zusammen zu beten. In diesem Brief ist mehr Härte zu sehen als Koexistenz. Im folgenden ein kurzer Ausschnitt (der gesamte Brief und die Antwort können auf der Website www.amrkhaled.net auf arabisch gelesen werden).

 

„... Ich habe erfahren, dass du - Allahs Gnade sei mit dir- Fatwa herausgegeben hast, die sich von denen in Medina unterscheiden. Hast du nicht von diesem Koranvers gehört: [Die Allerersten, die ersten der Auswanderer und der Helfer und jene, die ihnen auf die beste Art gefolgt sind - mit ihnen ist Allah wohl zufrieden]?

Weißt du nicht, dass der Prophet (s) sinngemäß gesagt hat, dass Medina DER ORT der Frömmigkeit ist? Du solltest wissen, dass alle Menschen dem Vorbild von Medina folgen müssen, wo der Prophet (s) gelebt hat und gestorben ist. Und wo auch seine Gefährten und die Mütter der Gläubigen gelebt haben, die von ihm aus erster Hand gelernt haben. Beachte was ich dir gesendet habe, auf dass Allah barmherzig mit dir ist. Ich beabsichtige mit diesem Brief nichts als den aufrichtigen Rat.

 

Seht ihr diese brüderliche Art trotz Meinungsunterschiede?!

 

Al-Layth antwortete freundlich:

„... Du erwähntest, dass ich Fatwa herausgebe, die sich von denen in Medina unterscheiden und damit hast du Recht. Ich habe jedes Wort, was du geschrieben hast, ernst genommen. Sei bitte informiert, dass die Gefährten des Propheten an vielen Plätzen und in vielen Ländern gelebt haben und dass es auch in Ägypten frommen Gelehrten gibt. Vielleicht hast du keine Ahnung wie stark der Regen hier ist, aber er ist anders als der in Medina! Bei Allah, du würdest ähnliche Fatwa herausgeben, wenn du hier leben würdest, da es dein Anliegen ist, den Menschen das Leben zu vereinfachen. Die Gefährten des Propheten, wie z.B. Amr Ibn Al-Aas, Az-Zubeir Ibn Al-Awwam, Bilal und Abu Ad-Dardaa, haben das gleiche getan, weil sie hier gelebt haben.

 

Dieser Brief und andere wurden erst nach dem Tod der beiden Gelehrten bekannt und veröffentlicht. Es waren ihr Söhne, die sie in der Öffentlichkeit bekannt gemacht haben. Dieses Ereignis und einige andere stellten einen Wendepunkt in dem Leben von Imam Malik dar. Er gelangte zu der Folgerung, dass jede Gesellschaft ihre eigenen Umstände hat, auf deren Grundlage sie ihre Fatwa herausgeben sollen, und dass es ein Fehler war, die Regeln von Medina verallgemeinern zu wollen. Dazu mehr in der nächsten Folge!

 

Imam Malik und die Herrscher:

 

Imam Malik erlebte die Herrschaft von neun Kalifen der Umayyaden und fünf der Abbasiden. Diese Herrscher waren sehr verschieden und daraus lernen wir wieder sehr viel über Koexistenz. Alle diese Herrscher respektierten Imam Malik und folgten seiner Rechtsschule, denn er war neutral: Er stimmte zwar nicht mit allem überein, was die Herrscher taten, aber er hatte keinen Streit mit ihnen. Er bevorzugte, sie zu beratschlagen und sie auf den richtigen Weg zu führen. Auf diese Weise gewann er den Respekt aller Menschen.

 

Als Muhammad Ibn Al-Hassan im Hidschaaz eine Revolution gegen den Kalifen, Abu Dschaafar Al-Mannsur, führte, blieb Imam Malik neutral. Er beteiligte sich nicht an dieser Revolution, obwohl einige seiner Lehrer beteiligt waren. Einige, die Imam Malik hassten, wollten ihn beim Herrscher in Ungnade bringen. Da ging einer zu Malik und bat ihn um Fatwa. Er wollte wissen ob eine mit Gewalt erzwungene Scheidung gültig sei. Malik sagte, dass eine solche Scheidung ungültig sei, da der Prophet (s) gesagt hat, dass Allah (t) uns alles verzeiht, was uns aufgezwungen wird. Diese Person ging dann zum Herrscher und meinte, dass Malik mit dieser Fatwa das Volk aufhetzen wolle, und eigentlich meine, dass der Kalif die Menschen im Hidschaaz gezwungen habe, ihm Treue zu schwören.

 

Allah (t) sagt: [O ihr, die ihr glaubt, wenn ein Frevler euch eine Kunde bringt, so vergewissert euch (dessen), …] (49:6). Abu Dschaffar vergewisserte sich nicht, sondern wurde sehr wütend über Imam Malik. Er sendete ihm eine Nachricht mit der Aufforderung, seine Fatwa zu ändern. Malik weigerte sich dies zu tun. Da forderte der Herrscher ihn auf, bekannt zu machen, dass der Herrscher mit dieser Fatwa nicht gemeint ist. Malik weigerte sich auch das zu tun, weil das bedeuten würde, dass er seine Neutralität aufgeben würde. Abu Dschaffar wurde wütend und befahl, Malik mit 100 Peitschenhieben zu bestrafen.

 

An diesem Punkt hätte Imam Malik zu einer Revolution aufrufen können, um sich zu rächen. Aber er tat das nicht! Dies beweist, dass er wirklich neutral war. Er wollte keine Unordnung und kein Blutvergießen zwischen den Muslimen verursachen.

 

Ein Aufruf an unsere Geschwister im Irak, Libanon und Palästina: Bitte lernt aus dieser Geschichte und vermeidet Volksverhetzung!

 

Später stellte Abu Dschaffar fest, dass er Unrecht hatte und dass Malik unschuldig war. Er wollte sich bei ihm entschuldigen. Er reiste nach Medina und besuchte Malik in seinem Haus. Er fragte ihn: “Was wünschst du dir von mir?” Imam Malik antwortete: „Ich möchte, dass du alle Menschen in Medina in ihren Häusern besuchst, ihnen Geld anbietest und ihre Kinder küsst.“ Auf diese Weise wollte Malik, dass die Menschen in Medina Abu Dschaffar mochten. Abu Dschaffar erfüllte Maliks Wunsch. Dann bot er auch Malik Geld an. Malik lehnte ab und sagte, dass er genug Geld hätte. Doch Abu Dschaffar sagte, er wisse genau, dass Malik Geld benötige. Als Malik überrascht reagierte, sagte Abu Dschaffar, es sei seine Aufgabe die Bedürfnisse seines Volkes zu kennen.

 

Nach diesem Vorfall akzeptierte Malik Geld und Geschenke von den Kalifen. Die Ablehnung ihrer Geschenke in dem Fall wäre als persönlich zu verstehen. Jedoch sagte Malik seine Meinung immer offen und blieb neutral und FREI!

 

Eine andere Geschichte geschah zur Zeit der Herrschaft von Harun Al-Rashid. Er hatte einen Eid gemacht, von dem er zurücktrat, ohne ihn zu erfüllen. Alle islamischen Gelehrten sagten ihm, er solle einen Sklaven freigeben, um für diesen Rücktritt zu sühnen. Sie bezogen sich dabei auf folgenden Vers: [Allah wird euch für ein unbedachtes Wort in euren Eiden nicht zur Rechenschaft ziehen, doch Er wird von euch für das Rechenschaft fordern, was ihr mit Bedacht geschworen habt. Die Sühne dafür sei dann die Speisung von zehn Armen in jenem Maß, wie ihr die Eurigen im Durchschnitt speist, oder ihre Bekleidung oder die Befreiung eines Sklaven. Wer es aber nicht kann, dann (soll er) drei Tage fasten. Das ist die Sühne für eure Eide, wenn ihr sie geleistet habt. … ] (5:89). Trotzdem wollte Harun Al-Raschid die Meinung von Imam Malik wissen. Malik sagte, er müsse drei Tage fasten. Harun Al-Raschid erwiderte, dass er nicht arm sei und dass er einen Sklaven freilassen könne. Malik erläuterte seine Fatwa, indem er verdeutlichte, dass all die Sklaven und all das Geld, das Harun Al-Raschid besaß, in Wirklichkeit dem Volk gehörten und dass er kein Recht hatte, etwas zu spenden, was nicht ihm gehörte.

 

Imam Maliks Tod: 

Imam Malik lebte etwa 86 oder 92 Jahre. Bevor er starb, fragte er einen seiner Studenten: „Was sagen die Menschen über mich?“ Der Student antwortete: „Es sind entweder Freunde, die dich loben, oder Feinde, die dich negativ beurteilen.“ Er dankte Gott dafür. Er meinte, er wolle nicht, alle Menschen als Freunde haben, damit er nicht eingebildet würde, und er wolle auch nicht, alle Menschen als Feinde haben, damit nicht alle gegen ihn aussagen am Tage des Jüngsten Gerichts.

 

Als Imam Malik im Sterben lag, wurde er gefragt was er fühle. Er sagte: „Ich weiß nicht, was ich euch sagen soll. Aber eines Tages werdet ihr die Süße von Allahs Vergebung selbst kosten, genau wie ich es jetzt tue.“

 

Er wollte es den Menschen leicht machen, selbst als er im Sterben lag.

 

Er wiederholte ständig Allahs Namen Al-Afuw (Der Allvergebende) bis er starb. Er hinterließ drei Söhne, eine Tochter und 3000 Dirham. Es wurde gesagt, dass Malik der Einzige in Medina war, der so betrauert wurde wie die rechtgeleiteten Kalifen. Imam Malik wurde in Al-Baqi’ in Medina begraben neben Ibrahim, dem Sohn des Propheten (s).

 

Das war die Geschichte von Imam Malik. Er ebnete den Weg für die Hadith-Wissenschaften und für die islamische Rechtswissenschaft - für Al-Buchari und Al-Schafi’i.

 

Ich hoffe, wir können von ihm lernen, wie wir miteinander in Frieden leben und unsere Probleme lösen können.

 

Ich bete Allah an, uns mit ihm im Paradies zu vereinigen

 

Allahs Friede sei mit euch!


[1] salla-l-lahu 'alaihi wa sallam: Allah segne ihn und schenke ihm Heil. Segensformel, die nach koranischer Aufforderung (vgl. 33:56) bei der Erwähnung des Propheten Muhammad gesprochen werden soll. Nach islamischer Tradition wird dies vor allem regelmäßig bei der Erwähnung des Propheten getan.

[2] radya Allahu ’anhu/’anha: Allahs Wohlgefallen auf ihm/ihr. Wird der Erwähnung der Namen der Gefährten, Nachfolger des Propheten (s) und der Mütter der Gläubigen beigefügt.

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